Warum die Waldbauern in Brandenburg protestieren - Wasser- und Bodenverbände quo vadis?

Prof. Dr. Reimar v. Alvensleben

 

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vormals Institut für Agrarökonomie der Universität Kiel

In Brandenburg hat sich im Winter 2004 ein „Aktionsbündnis gegen das Wasser- und Bodenverbands(-un)wesen“ gegründet. Mitglieder sind der Grundbesitzerverband, der Waldbesitzerverband, der Städte- und Gemeindebund und drei Naturschutzverbände (u.a. der NABU). In diesen Tagen findet in Brandenburg eine Plakat- und Protestaktion statt, um die seit Jahren anhaltende Problemdiskussion stärker in die Öffentlichkeit zu tragen. Was sind die Probleme und worum geht es bei diesem Protest?
 

I. Gewässerunterhaltung früher und heute

 
 

Gewässerunterhaltungsverbände bzw. Wassergenossenschaften haben – wie in anderen Teilen Deutschlands – auch in Brandenburg eine lange Tradition. Es waren Selbsthilfeeinrichtungen der betroffenen Grundeigentümer und Landnutzer. Konstituierende Merkmale waren

 
  • Selbstverwaltung durch die Mitglieder (Grundeigentümer) auf genossenschaftlicher Grundlage (Demokratieprinzip)
 
  • Finanzierung nach dem Vorteilsmaßstab. Wer keinen Vorteil von den Maßnahmen hatte blieb beitragsfrei. Wer einen dauerhaften Nachteil aus der Gewässerunterhaltung hatte, konnte aus dem Verband ausscheiden.
 
  • Es gab neben den Gewässern 1. und 2. Ordnung noch die Gewässer 3. Ordnung.
 

Die so gebildeten Wassergenossenschaften waren effiziente, gerechte und demokratische Systeme:

 

Sie waren effizient, weil die wichtigen Grundsätze einer effizienten Steuerung sozio-ökonomischer Systeme beachtet wurden, nämlich

 
  • das Prinzip der fiskalischen Äquivalenz: Die Entscheidungen wurden von denjenigen gefällt, die auch die deren finanziellen Folgen zu tragen haben.
 
  • Das Verursacherprinzip: Die Kosten der Unterhaltungsmaßnahmen waren von deren Verursachern zu tragen.
 
  • Das Subsidiaritätsprinzip: Die Entscheidungen wurden auf der jeweils untersten Ebene getroffen, die dazu noch in der Lage waren. Eine übermäßige Zentralisierung wurde vermieden.
 

Sie waren gerecht, weil bei der Umlage der Gewässerunterhaltungskosten grundsätzlich das Vorteils- bzw. Verursacherprinzip galt. Quersubventionierungen zwischen verschiedenen Gruppen von Landnutzern wurden weitestgehend vermieden.

 

Sie waren demokratisch, weil die Entscheidungen von Gremien getroffen wurden, die von den beitragspflichtigen Mitgliedern gewählt wurden.

 
 

Auch das zur Zeit gültige Wasserverbandsgesetz von 1991 folgt diesen bewährten Grundsätzen. Die meisten Wasser- und Bodenverbände in den alten Bundesländern arbeiten erfolgreich auf dieser Grundlage.

 
 

Nicht so in Brandenburg. Dort hat der Landesgesetzgeber den Gewässerunterhaltungsverbänden durch das Wassergesetz und das Wasserverbandsgesetz eine völlig andere Organisation vorgegeben:

 
 
  • Mitglieder der Verbände sind die Kommunen, nicht die Grundeigentümer. Letztere müssen zwar weiterhin zahlen, sind aber von den Entscheidungen in den Verbandsgremien ausgeschlossen.
 
  • Die Umlage der Gewässerunterhaltungskosten erfolgt nicht nach dem Vorteilsmaßstab sondern nach dem reinen Flächenmaßstab, d.h. für einen Hektar Wald- oder Naturschutzfläche wird der gleiche Beitrag erhoben wie für ein Hektar landwirtschaftliche oder versiegelte Fläche. Das heißt: Die Entwässerung der versiegelten Flächen wird durch den Wald und die Naturschutzflächen quersubventioniert. Gewässerunterhaltungsverbänden, die eine Differenzierung der Beiträge nach dem Vorteilsmaßstab einführen wollten, wurde dies durch die Rechtsaufsicht (Landesumweltamt) untersagt.
 
  • Die Gewässer 3. Ordnung (Meliorationsgräben), die in erster Linie der Landwirtschaft dienen, sind als besondere Gewässerkategorie abgeschafft und den Gewässern 2. Ordnung zugeschlagen worden. Zugleich wurden zentralistische Verbände mit 100.000-120.000 ha Mitgliedsfläche geschaffen, die dem Subsidiaritätsprinzip, d.h. den Problemen vor Ort, nicht mehr gerecht werden können.
 
 

Es liegt auf der Hand, dass die in dieser Weise organisierten Gewässerunterhaltungssysteme in Brandenburg weder effizient, noch gerecht und demokratisch sind. Hiervon sind die Waldbauern in besonderer Weise betroffen.

 
 

II. Warum die Waldbauern protestieren

 
 

Im einzelnen ist festzustellen:

 
 

Wald ist ein Wasserspeicher und benötigt keine künstliche Entwässerung

 
 

Das natürliche Ökosystem Wald benötigt keine Entwässerung. Die Notwendigkeit zum Bau von künstlichen Entwässerungssystemen entstand erst durch die Umwandlung der Wälder in Acker-, Siedlungs- und Verkehrsflächen. Diese sind die Verursacher von Hochwasser. Hierzu schreibt Bork (2000): „In den ungestörten natürlichen Wäldern Brandenburgs trat keine Abflussbildung und kein bedeutendes (Sommer-)Hochwasser auf. Die Waldvegetation und die nicht verdichteten Böden mit ihren natürlichen Humushorizonten und schützender Streuauflage vermochten selbst bei extremen Starkregen (nahezu) das gesamte Niederschlagswasser zwischenzuspeichern und entweder über die Transpiration direkt in die Atmosphäre zurückzuleiten oder über Pfade im Untergrund (oberflächennaher Zwischenabfluss und Grundwasserbewegung) stark verlangsamt in die Vorfluter zu führen.“... „Damit sind sämtliche heute auftretenden Hochwasser auf direkte Eingriffe und indirekte Einflüsse des Menschen zurückzuführen – eine überaus wichtige Schlussfolgerung.“... „Wir haben dafür Sorge zu tragen, dass soviel Wasser wie möglich in unseren Landschaften zwischengespeichert wird.“

 
 

Wald wird durch Entwässerung geschädigt

 
 

Die Wälder Brandenburgs und die Landwirtschaft in den Höhengebieten werden durch die übertriebenen Entwässer ungsmaßnahmen oftmals geschädigt. Hierfür gibt es viele Belege:

 

So schrieb Schlottmann in einem Artikel über das Rhinluch im Jahr 1900: „Der schnell fließende Rhinkanal entstand, der Grundwasserstand wurde dadurch erniedrigt, mehr als in dem sandigen Boden wünschenswert ist. Während der Rhinkanal im Frühjahr zur Zeit des hohen Wasserstandes seine Aufgabe, das Gebiet zu entwässern, erfüllt, entzieht er dem Lande in der Sommerzeit, wenn die Pflanzenwelt im Sandboden ohnehin reichlicher Feuchtigkeit bedarf, noch unnütz Wasser.“ – Im Gegensatz zu heute hatte man damals noch so viel Gerechtigkeitsempfinden, die in dieser Weise geschädigten Sandbauern und Waldbesitzer nicht noch zu den Kosten der Entwässerung zu veranlagen.

 

Mauersberger (2000) schätzte in einer Fallstudie die Ertragsminderung im Wald als Folge der Entwässerung auf der Ebene der Oberförstereien auf bis zu 30,- DM/ha.

 

Riek (2001) hat auf der Grundlage von Daten der Versuchsflächen des Spandauer Forst den Einfluss von Grundwasserabsenkungen auf den Grundflächenzuwachs bei Kiefern modelliert: Bei Grundwasserabsenkungen von 120 cm sinkt der Zuwachs bis zu 13 %, bei schlechteren Standortbedingungen fallen die Zuwachsverluste deutlich höher aus.

 

Auch die Agrar- und Umweltministerkonferenz (AMK/UMK) stellt am 13.6.2001 unter dem Vorsitz von Minister Birthler in einem Dokument fest: „Der beschleunigte Oberflächenabfluss und die Absenkung der Grundwasserstände durch Entwässerungsmaßnahmen haben zu einer Reihe von Beeinträchtigungen des Naturhaushaltes geführt... u.a. zu Folgeschäden bei angrenzenden Wäldern“.

 
 

Die derzeitige Gewässerunterhaltung ist fehlgesteuert

 
 

Die derzeitige Gewässerunterhaltung bewegt sich zumeist im überintensiven Bereich und verursacht viel zu hohe Kosten. Die Folgen sind ökologische Schäden und wirtschaftliche Verluste in der Land- und Forstwirtschaft (v. Alvensleben, 2000, 2002, 2003, Thoroe, 2000). Die Ursachen dieser Fehlsteuerung liegen

 
  • in der Nichtbeachtung des Subsidiaritätsprinzips und des Prinzips der fiskalischen Äquivalenz bei den kollektiven Entscheidungen über die Gewässerunterhaltung,
 
  • im öffentlichen und Monopolcharakter der Unternehmen, die die Gewässerunterhaltung durchführen, sowie in der
 
  • Nichtbeachtung des Vorteilsprinzips bei der Umlage der Gewässerunterhaltungskosten.
 

Die Kosteneinsparpotentiale und die ökologischen Vorteile, die wegen der o.g. Systemmängel nicht realisiert werden, sind beachtlich. Für unseren land- und forstwirtschaftlichen Betrieb bei Fürstenwalde schätzen wir die mögliche Kosteneinsparung auf etwa 75 % der derzeitigen Kosten bei gleichzeitiger Verbesserung der ökologischen Situation.

 
 

Die AMK/UMK (2001) stellte im o.g. Bericht fest: „Neben den sehr hohen ökologischen Schäden ist der hohe energetische und finanzielle Aufwand für die Unterhaltung der Entwässerungsanlagen zu betrachten, der in Einzelfällen über den landwirtschaftlichen Erträgen der entwässerten Flächen liegt.“ Zum gleichen Ergebnis kommen auch Dabbert/Winter(2000).

 
 

Die derzeitige Finanzierung der Gewässerunterhaltung ist ungerecht

 
 

Durch die Anwendung des undifferenzierten Flächenmaßstabes bei der Umlage der Gewässerunterhaltungskosten kommt es zwischen den verschiedenen Gruppen der Landnutzer zu Quersubventionierungen. Dabbert/Winter (2000) haben berechnet, dass die jährlichen Entwässerungskosten in den Niederungsgebieten etwa 179-214 DM/ha für die sog. Vorteilsflächen betragen. Da für diese Flächen aber nur 11-14 DM/ha/Jahr Gebühren entrichtet werden, müssen diese Kosten im wesentlichen von der Landwirtschaft in den Höhengebieten und dem Wald getragen werden, der durch den Wasserentzug obendrein noch geschädigt wird, geschweige denn Vorteile von den Entwässerungsmaßnahmen hat. Schlimmer noch: Auch die Entwässerung der versiegelten Flächen wird in der Regel von der Landwirtschaft und dem Wald quersubventioniert, da keine verursachergerechte Gebührendifferenzierung stattfindet.

 
 

Dass der Brandenburger Wald Maßnahmen finanzieren soll, die ihm nicht nur nichts nutzen, sondern häufig sogar schaden, ist ein schreiendes Unrecht - insbesondere auch vor dem Hintergrund der Ertragslage der in Brandenburg vorherrschenden Kiefernwälder: Für diese weisen die Agrarberichte der Bundesregierung in den vergangenen sieben Jahren einen durchschnittlichen Reinertrag von minus 38 Euro je Hektar aus. Viele Forstbetriebe müssen – sofern sie überhaupt positive Erträge erwirtschaften – diese ausschließlich zur Finanzierung der Gewässerunterhaltungsverbände verwenden.

 
 

Es besteht dringender Reformbedarf

 
 

Die dringend notwendige Reform der Gewässerunterhaltung muss vor allem folgendes bewirken: (1) eine Senkung der Kosten der Gewässerunterhaltung um mindestens 50 % durch Extensivierung und verbesserte Organisation der Gewässerunterhaltung und (2) eine gerechtere Verteilung der Gewässerunterhaltungskosten nach dem Vorteilsprinzip durch Freistellung der Wald- und Naturschutzflächen und stärkere Belastung der versiegelten Flächen. Öffentliche Aufgaben (Hochwasserschutz, Umweltschutz) sind von der öffentlichen Hand zu finanzieren. Die schon seit Jahren vorliegenden Vorschläge der Waldbesitzer zur Reform der Gewässerunterhaltung lauten:

 
 
  • Ersatz des undifferenzierten Flächenmaßstabes zur Umlage der Gewässerunterhaltungskosten durch den Vorteilsmaßstab.
 
  • direkte Mitgliedschaft der Grundeigentümer in den Gewässerunterhaltungsverbänden
 
  • Wiedereinführung der Gewässer 3. Ordnung
 
  • Überführung der öffentlich-rechtlichen Unternehmen der Gewässerunterhaltung in eine privatrechtliche Rechtsform und Weiterentwicklung zu ländlichen Dienstleistungsunternehmen, um vorhandene Personal-, Gebäude- und Maschinenkapazitäten besser auszulasten.
 
  • Kompensation der Landwirte, die durch eine Wiedervernässung von Flächen Nachteile erleiden, im Rahmen des KULAP.
 
 

Die Umsetzung dieser Vorschläge würde folgendes bewirken:

 
 
  • Eine Verlagerung der Entscheidungen vor Ort (nach dem Subsidiaritätsprinzip) damit
 
  • eine stärkere Orientierung der Gewässerunterhaltung an Kosten-Nutzen-Überlegungen, damit
 
  • eine erhebliche Extensivierung der Gewässerunterhaltung, damit
 
  • einen Beitrag zum dringend gebotenen stärkeren Wasserrückhalt in der Landschaft und zugleich
 
  • eine wesentliche Minderung und gerechtere Verteilung der Gewässerunterhaltungskosten.
 
 

Die Novellierung des Wassergesetzes in Brandenburg hat die Missstände der Gewässerunterhaltung verfestigt

 
 

Der Landtag hat im Juni 2004 das Wassergesetz novelliert und hierbei keinerlei Änderungen der Missstände der Gewässerunterhaltung und ihrer Finanzierung vorgenommen. Nachdem auch Sachsen-Anhalt zu einer differenzierten Erhebung der Verbandsbeiträge übergehen will, wird Brandenburg damit das einzige Land in Deutschland sein, dass auch in Zukunft den undifferenzierten Flächenmaßstab bei der Umlage der Gewässerunterhaltungskosten anwenden will. Das bedeutet:

 
 
  • Der Wald soll also weiterhin die Entwässerung der versiegelten und landwirtschaftlichen Flächen quersubventionieren.
 
  • Das in Art. 9 (1) der EU-Wasserrahmenrichtlinie vorgeschriebene Verursacherprinzip bei der Finanzierung von Wasserdienstleistungen wird nicht umgesetzt.
 
  • Die Verwaltungsgebühren sollen weiterhin verfassungswidrig nach dem Flächenmaßstab und nicht nach dem Äquivalenzprinzip umgelegt werden, z.B. berechnete die Stadt Angermünde der dortigen Kirchengemeinde fast 5000 DM Verwaltungskosten für einen Gebührenbescheid (= 9,33 DM/ha).
 
  • Die Grundeigentümer, die mit ihren Beiträgen die Gewässerunterhaltung finanzieren, werden weiterhin von einer Mitwirkung ausgeschlossen.
 
  • Die Kosten der Gewässerunterhaltung und die durch sie angerichteten Schäden bleiben weiterhin überhöht und belasten die Land- und Forstwirtschaft - allein den Brandenburger Wald mit etwa 10-20 Millionen Euro je Jahr.
 
 

Hiergegen richtet sich der Protest der etwa 100.000 Waldbauern in Brandenburg.

 
 

III. Kritische Anfragen an die Verbände und ihre Interessenvertretungen

 
 

Für die offensichtlichen Missstände der Gewässerunterhaltung in Brandenburg ist nicht nur die Politik verantwortlich. Auch die Wasser- und Bodenverbände und ihre Interessenvertretungen haben einen wesentlichen Anteil an den nicht mehr haltbaren Zuständen. Verschiedene kritische Anfragen sind an die Verbände zu stellen:

 
 

1. Abkehr vom Verursacherprinzip?

 
 

Dass das Verursacherprinzip der wichtigste Grundsatz der Umweltpolitik ist, lernt heute jedes Schulkind. Die Nichtanwendung dieses Prinzips führt in der Regel zu Fehlsteuerungen im betroffenen Bereich. Folgerichtig schreibt die EU-Wasserrahmenrichtlinie in Art. 9 die Anwendung des Verursacherprinzips bei der Finanzierung von Wasserdienstleistungen vor. Die Interessenvertretungen der Wasser- und Bodenverbände behaupten nun, dass diese Vorschrift nicht für die Gewässerunterhaltung gelte. Warum die Gewässerunterhaltung ein „verursacherprinzipfreies Terrain“ sein soll und weshalb sich die Wasser- und Bodenverbände gegen die Anwendung des Verursacherprinzips sträuben, ist sachlich schwer nachvollziehbar. Wer das Verursacherprinzip als zentralen Grundsatz der Umweltpolitik nicht anerkennen will, läuft Gefahr als Partner bei der Gestaltung umweltrelevanter Maßnahmen nicht mehr ernst genommen zu werden.

 
 

2. Stellung zum Eigentum?

 
 

Die Gewässerunterhaltungsverbände in Brandenburg – ursprünglich als genossenschaftliche Selbsthilfeeinrichtungen der Grundeigentümer gegründet – haben sich inzwischen zu eigentumsfeindlichen Institutionen entwickelt, die weitgehend losgelöst von den Bedürfnissen derjenigen operieren, die sie finanzieren. Dies widerspricht § 1 Abs. 2 WVG und betrifft besonders den Wald. Die Belastungen des Waldes mit Gewässerunterhaltungskosten, die vom Wald gar nicht verursacht werden, dürften in ihrem Zusammenwirken mit anderen Belastungen gegen die Eigentumsgarantie des Art. 14 GG verstoßen. Denn sie belasten den Wald übermäßig, führen zu nachhaltigen Verlusten in den Kiefernforstbetrieben und greifen damit die Substanz des Vermögens an. Waldbesitzer in Brandenburg müssen, nur weil sie Wald besitzen, bei gleichem Einkommen mehr Steuern und Abgaben zahlen, als Nichtwaldbesitzer. Der Landeswasserverbandstag hat dies in polemischer Form als ein Problem des großen Privatwaldes abgetan. In Wirklichkeit ist die Abgabenbelastung je Hektar im Kleinprivatwald noch größer als im größeren Privat- und Kommunalwald. Sie erreicht Größenordnungen, die sich in Brandenburgs Kiefernforsten in der Regel nicht erwirtschaften lassen, und haben somit eine konfiskatorische Wirkung. Der eigentumspolitische Flurschaden, der dadurch angerichtet wird, ist beträchtlich: Über Jahrzehnte konnten die Kleinwaldbesitzer in der ehemaligen DDR über ihr Waldeigentum nicht verfügen. Sie wurden aber auch nicht mit Abgaben belastet und erhielten gelegentlich eine geringe Ausschüttung aus dem Waldfonds. Mit der neuen Eigentumsordnung nach der Wende haben die Waldbesitzer zwar ihr Verfügungsrecht über das Eigentum zurückerhalten, aber sie wurden zugleich mit einer Reihe von ordnungspolitisch, finanzpolitisch und sozialpolitisch widersinnigen Abgaben belastet, die die Ertragsfähigkeit der Kiefernwälder bei weitem überschreitet (näheres im „Alternativen Waldschadensbericht“ des Waldbesitzerverband Brandenburg). Dies führt zu einer großen Verbitterung und oft zu der resignierenden Feststellung, dass es im alten System gerechter zuging als jetzt.

 
 

Die verteilungspolitische Logik, mit der dieses Problem in der Politik behandelt wird, ist umwerfend: Da Waldbesitz in Brandenburg wegen der schlechten Ertragslage nur aus anderen Einkünften oder aus der Substanz des Vermögens finanzierbar ist, müssen Waldbesitzer vermögende Leute sein. Und weil sie so vermögend sind, kann man sie auch stärker belasten als andere Bürger. Für den Kleinwaldbesitzer macht diese Belastung „ja nur ein oder zwei Glas Bier im Monat“ aus (Zitat eines brandenburgischen Landtagsabgeordneten). Diese grundsatzlose, eigentumsfeindliche und aus dem hohlen Bauch erfolgende Argumentation hat sich leider auch der Landeswasserverbandstag zu eigen gemacht.

 
 

3. Vom Selbsthilfe- zum Selbstbedienungssystem?

 
 

Die Abkehr des Wasserverbandstages vom Vorteilsprinzip und damit vom Buchstaben und Geist des Wasserverbandsgesetzes markiert eine Entwicklung in den Wasser- und Bodenverbänden – weg von der ursprünglichen Selbsthilfeorganisation der Grundeigentümer in Form einer Wassergenossenschaft hin zu einer Semi-Behörde, die vornehmlich Eigenziele verfolgt, von den Grundeigentümern nicht mehr kontrollierbar ist und sich über steuerähnliche Einnahmen von den Grundeigentümern finanziert, deren Höhe sie selbst festsetzt. Dies gilt insbesondere für Brandenburg und für die Verbände, wo die Grundeigentümer zwar zahlen sollen, aber keine Entscheidungsrechte haben. Die Verbände operieren weitgehend losgelöst von den Interessen derjenigen, die sie finanzieren. Wenn es den Land- und Forstwirten nicht gelingt, die Verbände zur ursprünglichen Idee und Struktur einer genossenschaftlichen Selbsthilfeorganisation zurückzuführen, dann bestimmen zunehmend andere Interessen den Umfang und die Finanzierung der Maßnahmen der Verbände, während die Grundeigentümer bzw. Landnutzer nur noch zahlen dürfen.

 
 

Hierbei kommt es vor allem auf die Beibehaltung bzw. Einführung des Prinzips der fiskalischen Äquivalenz an, d.h. die Entscheidungskompetenz muss bei denjenigen liegen, die die finanziellen Folgen der Entscheidungen zu tragen haben. Wenn also die Grundeigentümer bzw. Flächennutzer weiterhin die Kosten der Gewässerunterhaltung tragen sollen, so müssen sie auch direkt Mitglieder des Verbandes sein und dort die Entscheidungskompetenz haben. Entscheidungskompetenz ohne finanzielle Verantwortung für die getroffenen Entscheidungen ist ein Konstruktionsfehler in den ostdeutschen Verbänden, der in der Regel zu überhöhten Kosten führt und demzufolge zu beheben ist. Das bedeutet: Eine kommunale Mitgliedschaft in den Verbänden ist nur dann systemkonform, wenn die Kommunen auch die Gewässerunterhaltungskosten zu tragen haben. Nur dann haben sie ein Interesse an einer wirksamen Kostenkontrolle. Dies trifft m.E. auf die niedersächsischen Verbände mit kommunaler Mitgliedschaft zu, nicht aber auf die Verbände in den drei nordostdeutschen Ländern.

 
 

Da bei der augenblicklichen Finanzsituation der Kommunen nicht zu erwarten ist, dass diese die Kosten der Gewässerunterhaltungsverbände übernehmen, bleibt neben der Beitragsdifferenzierung als vorrangige Reformmaßnahme vor allem die direkte Mitgliedschaft der Flächennutzer in den Verbänden, wie sie in S-H und NS üblich ist.

 
 

Alternativ ist auch zu prüfen, ob die Wasser- und Bodenverbände in den drei nordostdeutschen Bundesländern nicht besser ganz aufgelöst werden und die Unterhaltungslasten – wie in Sachsen und Thüringen - auf die Kommunen übergehen sollten. Soweit die Verbände eigene Wirtschaftsbetriebe unterhalten, könnten diese privatisiert werden und als private Dienstleister im Auftrag der Kommunen die notwendigen Maßnahmen durchführen. Sie müssten sich hierbei dem Wettbewerb stellen. Wettbewerb ist die effizienteste Form der Kostenkontrolle. Als Wettbewerber würden dann wohl auch die großen Agrarbetriebe auftreten. Wie Erfahrungen in Sachsen zeigen, sind diese ebenfalls in der Lage, die erforderlichen Maßnahmen kostengünstig durchzuführen. Die Forderung nach einer Abschaffung der Verbände in den drei nordostdeutschen Bundesländern wird umso mehr Schubkraft gewinnen, je mehr sich die Verbände vom Prinzip der genossenschaftlichen Selbsthilfe der Grundeigentümer und dem Geist des Wasserverbandsgesetzes entfernen und zu einer Behörde werden, die ein Eigenleben entwickelt und von niemanden mehr wirksam kontrolliert wird – weder von den Grundeigentümern, noch durch ein Parlament oder durch den Wettbewerb. Solche Verbände haben sich dann als genossenschaftliche Selbstverwaltungskörperschaften überlebt und als solche keine Existenzberechtigung mehr.

 
 

Wasser- und Bodenverbände – quo vadis?

 
 

Literatur:

 
 

Agrar- und Umweltministerkonferenz - AMK/UMK – (13.6.2001): Bericht der Arbeitsgruppe AMK/UMK zum Thema „Umweltrelevante Veränderungen in der Landwirtschaft“ (Stand 8.12.2000), S. 9.

 
 

v. Alvensleben, R. (2000): Gewässerunterhaltung in Brandenburg aus umweltökonomischer Sicht. Jubiläumsband zum 5. Naturschutztag des NABU Brandenburg „Wasser in der Landschaft“, Potsdam, S. 19-28.

 
 

v. Alvensleben, R. (2002): Gewässerunterhaltung in den nordostdeutschen Bundesländern. AFZ-Der Wald 12/2002, S. 638-642.

 
 

v. Alvensleben, R.. (2003): Gewässerunterhalt und Wasserrückhalt. Referat auf der Tagung der Landeslehrstätte für Naturschutz und Landschaftspflege „Oderberge Lebus“ am 23./24.9.2003. Als Manuskript vervielfältigt, 11 S.

 
 

v. Bitter (1928): Handwörterbuch der preußischen Verwaltung, 3. Auflage, Stichwort „Wassergenossenschaften“, S.1036 ff

 
 

Bork, H.-R. (2000): Der Landschaftswasserhaushalt Mitteleuropas – Historische Entwicklung und Zukunftsperspektiven. Landesumweltamt (Hrsg.): Ökologietage III – Landschaftswasserhaushalt in Brandenburg – Tagungsbericht November 2000. Studien und Tagungsberichte, Band 28 (2001).

 
 

Dabbert, S., Winter,T. (2000): Ökonomische Auswirkungen der Gewässerunterhaltung auf die land- und forstwirtschaftlichen Betriebe. Tagung der Stiftung August Bier für Ökologie und Medizin und dem Zentrum für Agrarlandschafts- und Landnutzungsforschung (ZALF) e.V. „Fragen der Gewässerunterhaltung – Effekte, Konflikte, Handlungsmöglichkeiten“ am 17.11.2000 in Beeskow (Veröffentlichung in Vorbereitung).

 
 

Mauersberger, R.(2000): Bemerkungen zum Gebietswasserhaushalt und zur Gewässerunterhaltung unter Forstflächen“ Tagung der Stiftung August Bier ... s.o.

 
 

Riek, W. (2001): Auswirkungen von Grundwasserabsenkungen auf das Zuwachsverhalten der Kiefer. in „Beiträge für Forstwirtschaft und Landschaftsökologie“.

 
 

Schlottmann, K. (1900): Das Rhinluch. In: Die Provinz Brandenburg in Wort und Bild, herausgegeben von dem Pestalozzi-Verein der Provinz Brandenburg. Berlin 1900. Reprint 2000, S. 212.

 
 

Thoroe, C. (2000): Gewässerunterhaltung aus gesamtwirtschaftlicher Sicht. Tagung der Stiftung August Bier s.o.

 
 

Waldbesitzerverband Brandenburg e.V. (2001): Alternativer Waldschadensbericht für Brandenburg. Eberswalde, 24 S.

 
 

Wasserverbandstag Niedersachsen e.V. (1991): Das neue Wasserverbandsgesetz (WVG). Gesetzestext mit Erläuterungen und einer Mustersatzung.Hannover

 

veröffentlicht als Sonderbeilage in Agra Europe 37/37 am 13.9.2004