Sicherung waldbaulicher Erfordernisse im Privatwald durch zielgerichtete jagdliche Bewirtschaftung

- auf der Suche nach einem Gleichgewicht zwischen Wald und Wild -
 

Prof. Dr. Reimar v. Alvensleben, Falkenberg

Gemeinsame Vortragsveranstaltung mit Podiumsdiskussion des Brandenburgischen Forstvereins e.V. und des Landesjagdverbandes Brandenburg e.V. zum Thema “Wald- und Wildbewirtschaftung in Brandenburg – Einheit oder Gegensatz” am 8.9.2001 in Cottbus

Einordnung: Wirtschaftliche Bedeutung des Wald-Wild-Problems

Die Herstellung eines besseren Gleichgewichts zwischen Wald und Wild ist eine wichtige Voraussetzung für die zukünftige Existenz des Wirtschaftswaldes in Brandenburg. Eine nachhaltige Bewirtschaftung im Sinne der Rio-Kriterien wird in Zukunft nur möglich sein, wenn das Wald-Wild-Problem in effizienter Weise gelöst wird. Insofern hat das Thema dieser Tagung eine zentrale Bedeutung nicht nur für den Privatwald, sondern auch für den Kommunal- und Landeswald. Um die wirtschaftliche Bedeutung der Thematik einordnen zu können, zunächst einige Zahlen, die dem gerade erschienenen “Alternativen Waldschadensbericht” des Waldbesitzerverbandes entnommen sind. Dieser Bericht will darauf hinweisen, dass der Wald einer ganzen Reihe von politikbedingten Belastungen ausgesetzt ist, die zusammen genommen schwerer wiegen als der “saure Regen”. Hierbei spielen die Belastungen durch überhöhte Wildbestände eine große Rolle (Übersicht 1).

Übersicht 1: Politikbedingte Schäden und Lasten im Brandenburger Wald, in DM/ha/Jahr
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1. Schäden durch Immissionen (“Saurer Regen”) ?

2. Schäden/Lasten durch Entwässerung und Gewässerunterhaltungskosten 15-50

3. Schäden/Lasten durch Waldbrände bzw. Waldbrandversicherung 5-10

4. Schäden/Lasten durch Müll 1-5

5. Wildschäden und Wildschadensverhütung 50

6. Jagdsteuer 1-3

7. Grundsteuer 3-10

8. Berufsgenossenschaft (Grundbeitrag von 60 DM/Jahr für 4 ha) 15

9. Belastungen durch Umweltauflagen (in Schutzgebieten) ?


Schäden/öffentliche Abgaben und Lasten insgesamt 75-140

Quelle: Waldbesitzerverband Brandenburg e.V.: Alternativer Waldschadensbericht für Brandenburg, Eberswalde September 2001.

Zu diesen wirtschaftlichen Schäden kommen noch ökologische Schäden durch Immissionen, Entwässerung, Waldbrände, Müll und nicht zuletzt durch Wildverbiss bzw. mangelndes Gleichgewicht zwischen Wald und Wild.

Laut den Agrarberichten der Bundesregierung (1999 bzw. 2000, Materialbände, S. 67 bzw. 50) lagen die Reinerträge (ohne Förderung) in Privatwaldbetrieben über 200 ha mit der Hauptbaumart Kiefer im Durchschnitt der Jahre 1996 bis 1998 bei minus 118 DM/ha Holzbodenfläche. Dies ist eine ähnliche Größenordnung wie die o.g. politikbedingten Schäden und Lasten. Die Verluste im Wald sind also im wesentlichen politikbedingt. Dem Wald in Brandenburg wird mehr entnommen als wertmäßig zuwächst. Die Nachhaltigkeit der Waldbewirtschaftung im Sinne der Konferenz von Rio, wonach Nachhaltigkeit eine wirtschaftliche, ökologische und soziale Dimension hat, ist somit nicht mehr gewährleistet. Im bundesdeutschen Vergleich hat der Wald in Brandenburg nicht nur die schlechtesten natürlichen Bedingungen, sondern auch die größten politikbedingten Nachteile. Dies gilt nicht nur für den Privatwald, sondern auch für den Landeswald.

 

Wie der Übersicht 1 zu entnehmen ist, tragen die Kosten der Wildschäden und der Wildschadensverhütung mit etwa 50 DM/ha/Jahr in einem erheblichen Umfange zur Verlustsituation des Waldes bei. Sie setzen sich – laut Schätzung des AID - zusammen aus etwa 30 DM/ha/Jahr für die eingetretenen Schäden und 20 DM/ha/Jahr für die Wildschadensverhütung (AID: Wildschäden am Wald, Heft 1134/2000). Die Kosten eines Wildschutzzaunes betragen etwa 2500-5000 DM/ha. Das ist in der Regel mehr als der durchschnittliche Marktpreis des Waldes in Brandenburg. An diesen Zahlen wird deutlich, dass dringender Handlungsbedarf besteht.

 

Allerdings können nicht alle der durch Wild verursachten Kosten im Wald verhindert werden, denn wir wollen das Wild nicht ausrotten. Wir müssen aber ein besseres Gleichgewicht zwischen Wald und Wild erreichen. Auf unserem Betrieb in Falkenberg (bei Fürstenwalde) sind wir auf der Suche nach diesem Gleichgewicht und erhoffen uns von dieser Tagung wichtige Anregungen und Impulse.

 

Gut Falkenberg

Das Gut Falkenberg befand sich seit 1894 im Besitz der Familie, wurde 1945 durch die Bodenreform enteignet und seit 1991 durch Pacht und Rückkauf wieder eingerichtet. Es umfasst zur Zeit etwa 600 ha Landwirtschaft (zumeist auf Pachtland) und 800 ha Wald (zumeist Rückkauf von der BVVG). Der Betrieb wird von meinem Sohn und zwei Angestellten bewirtschaftet. Das Jagdrevier hat eine Größe von etwa 1000 ha (teilweise Eigenjagd, teilweise Gemeindejagd). Wir sind also in der seltenen, aber günstigen Situation, dass ein großer Teil der landwirtschaftlichen, forstlichen und jagdlichen Nutzung der Flächen in einer Hand liegen. Die sogenannten externen Effekte sind somit weitgehend internalisiert, was die Lösung der Konflikte zwischen wirtschaftlicher und jagdlicher Nutzung erheblich erleichtert.
 

Der Wald in Falkenberg ist typisch für Brandenburg: Zumeist M2-Standorte, 80 % Kiefer. Er ist überdurchschnittlich jung: Zwei Drittel der Bestände sind unter 50 Jahre alt (Normalwald: 38,5 %). Der Datenspeicher des 1999 von der BVVG zurückgekauften Waldes weist bis zum Alter 37 Jahre 99,5 % Nadelholzbestände aus, d.h. in den letzten 37 Jahren wurden fast nur noch Kieferreinbestände begründet. Entsprechend arm ist das Äsungsangebot im Wald. Der Holzvorrat beträgt 149 Efm/ha (Brandenburg: 183 Efm/ha), der Zuwachs 4,8 Efm/ha/Jahr (Brandenburg: 5,4 Efm/ha/Jahr), der Hiebsatz liegt bei 3,2 Efm/ha/Jahr.

 
 

Der Forstbetrieb wurde im Mai 2001 zusammen mit dem Landeswald nach den PEFC-Kriterien zertifiziert. Die Zertifizierung des Landeswaldes haben wir als Privatwald sehr begrüßt, denn sie stellt sowohl in ökonomischer als auch in ökologischer Hinsicht einen großen Fortschritt dar und bringt die Bewirtschaftungsvorstellungen von Privat- und Landeswald wieder näher zueinander. Das gilt auch für die Lösung des Wald-Wild-Problems.

 
 

Unser Betriebskonzept kalkulierte für das nächste Jahrzehnt einen Arbeitszeitbedarf von 1600 Akh/1000ha/Jahr (incl. Lohnunternehmerleistungen, ohne Beförsterung). Das sind 0,8 Arbeitskräfte je 1000 ha und Jahr. Zum Vergleich: Im Landesforst gibt es noch 3,6 Waldarbeiter je1000 ha. Der Forstbetrieb trägt somit keine festangestellten Lohnarbeitskräfte. Die Arbeiten werden von der Familie, den Arbeitskräften des landwirtschaftlichen Betriebes und von Lohnunternehmern durchgeführt. Trotz dieser relativ günstigen Situation der Arbeitskosten kalkuliert das Betriebskonzept für das nächste Jahrzehnt einen durchschnittlichen Verlust von 30 DM/ha/Jahr – ohne Berücksichtigung der Kapitalkosten für den Kauf des Waldes, ohne Fördermittel für den Waldumbau und die Jungbestandspflege und ohne Bewertung des rechnerischen Vorratsaufbaus von 1,6 Efm/ha/Jahr.

 
 

Diese äußerst knappe Kalkulation verdeutlicht, dass es u.a. von der Lösung des Wald-Wild-Problems abhängt, ob die Forstwirtschaft rote oder schwarze Zahlen schreibt. Sollte es nicht gelingen, den Brandenburger Wald aus den roten Zahlen herauszuführen, dann gibt es längerfristig kaum noch Argumente, die forstliche Bewirtschaftung der meisten Brandenburger Wälder fortzuführen, dann wäre die Forstwirtschaft in Brandenburg ein Auslaufmodell. Man könnte den Wald allein dem Naturschutz, der Erholungsnutzung und der Jagd überlassen. Forstleute, die dort wirtschaften, bräuchte man dann nicht mehr.

Um solchen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen entgegenzuwirken, sind wir auf der Suche nach einem besseren Gleichgewicht zwischen Wald und Wild. Die Zielsetzung ist - im Einklang mit dem Waldgesetz, den Waldbaurahmenrichtlinien und den PEFC-Zertifizierungskriterien – eine Verjüngung der Hauptbaumarten ohne Verbiss- und Fegeschutz zu ermöglichen und zugleich gesunde und artenreiche Waldbestände aufzubauen. Die wichtigsten Ansatzpunkte sind dabei:

  • Die Erhöhung des Schalenwildabschusses
  • Die Verbesserung der Jagdmethoden und
  • Die Verbesserung der Äsungsverhältnisse.

Erhöhung des Schalenwildabschusses

Wie allgemein bekannt, sind die Schalenwildbestände heute erheblich höher als vor 50 oder 100 Jahren. Dies gilt auch für das Revier Falkenberg. Wir sind noch im Besitz eines alten Jagdbuches, aus dem wir eine Jagdstreckenstatistik der Jahre 1894-1912 erstellen und mit den heutigen Strecken vergleichen konnten (Übersicht 2). Diese Zahlen zeigen eindrucksvoll die großen Veränderungen unserer Wildpopulationen: Die Strecken sind bei Schwarzwild mehr als zehnmal so hoch wie früher, bei Rehwild etwa dreimal so hoch und bei Raubwild mehr als sechsmal so hoch wie früher. Innerhalb der Raubwildstrecken fällt die exponentielle Vermehrung der Marderhunde und Waschbären auf. Dagegen sind die hohen Niederwildstrecken von früher fast auf Null zurückgegangen. Der Abschuss von Rotwild liegt heute bei weniger als der Hälfte der früheren Zahlen. Insgesamt aber ist die Strecke an Schalenwild fast viermal so hoch wie vor 100 Jahren.

Bei Rehwild haben wir den Abschussplan seit 1997 schrittweise von 4 auf 7 Rehe je 100 ha erhöht – ohne dabei eine spürbare Verminderung der Bestände feststellen zu können. Allerdings hat eine Verlagerung der Aktivität der Rehe von der Wald-Feld-Kante in das Feld und in den Wald stattgefunden, wo ihre Bejagung schwieriger ist. Deshalb werden je erlegtes Reh heute mehr Ansitzstunden benötigt als vorher. Wir wissen noch nicht, ob wir den Abschussplan weiter erhöhen können oder sollten. Dies werden die Ergebnisse der Ansitzdrückjagden zeigen, die im Herbst durchgeführt werden und einen Eindruck von der Höhe der Wildbestände im Wald vermitteln.

Übersicht 2 : Jagdstrecke im Revier Falkenberg früher und heute und im Vergleich zum Landesdurchschnitt Brandenburg - je 1000 ha und Jahr

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Revier Falkenberg Brandenburg

Wildart Mittel 1894-1912 Mittel 1999-2000 1999/2000

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Schwarzwild 3,9 53,5 27,9

Rehwild 22,5 68,5 25,1

Rotwild 6,1 2,5 2,5

Damwild 0 0 4,4

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Schalenwild 32,5 124,5 59,9

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Fuchs 5,3 34,5 18,5

Dachs 0,2 3,0 0,7

Marderhund 0 5,5 1,0

Waschbär 0 4,0 0,6

Sonstiges 1,8 0,5 0,8

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Raubwild 7,3 47,5 21,6

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Niederwild 239 2 12,6

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Quelle: Eigene Berechnung aus eigenen Unterlagen und Jagdbericht des Landes Brandenburg 1999/2000, herausgegeben vom MLUR Brandenburg

Im Vergleich zum Landesdurchschnitt in Brandenburg sind die Jagdstrecken im Revier Falkenberg bei Rotwild durchschnittlich, bei Schwarzwild und Raubwild etwa doppelt so hoch und bei Rehwild zweieinhalb mal so hoch - ohne dadurch die Wildbestände auch nur annähernd zu gefährden. Die Zahlen zeigen, dass der Abschuss von Schalenwild und von Raubwild in Brandenburg erheblich gesteigert werden kann und sollte – nicht nur, um ein besseres Gleichgewicht von Wald und Wild herzustellen, sondern auch um die Wildschäden im Feld zu vermindern und nicht zuletzt aus ökologischen Gründen.

Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, dass die Ausübung der Jagd in Brandenburg mit einer Steuer belegt wird – sogar in der Weise, dass die Jagdreviere, deren Inhaber den Abschuss erhöhen, mit einem höheren Jagdwert eingeschätzt werden und damit in eine höhere Steuerklasse kommen. Dass die Ausübung der Jagd für einen naturnahen Waldbau unabdingbar ist, sagen selbst der Sachverständigenrat für Umweltfragen und das Bundesamt für Naturschutz. Für die Erhebung einer Jagdsteuer gibt es weder eine ordnungspolitische noch eine sozialpolitische Begründung. Sie ist widersinnig, willkürlich, ungerecht und ein Relikt aus alten Zeiten. Ihre Abschaffung ist darum überfällig!

Verbesserung der Jagdmethoden

Die relativ hohen Jagdstrecken im Revier Falkenberg sind vor allem dem Engagement der örtlichen Jäger zu danken. Neben vier Jagdscheininhabern aus der Familie haben alle acht örtlichen Jäger unentgeltliche Jagderlaubnisscheine erhalten. Als Gegenleistung haben sie für den Jagdschutz, die Wildschadensverhütung und den Bau der jagdlichen Einrichtungen zu sorgen. Beim Abschuss von Sauen erhalten sie eine Prämie von zehn Prozent des Wilderlöses. Außer bei Böcken der Altersklasse 2 und älter gibt es keine Abschussbeschränkungen, solange der Abschussplan noch nicht erfüllt ist. Die Ansitzjagd wird von meiner Frau koordiniert. Zusammen gibt es also 12 Jäger auf 1000 ha, die allerdings mit sehr unterschiedlicher Intensität jagen. Das sind etwa doppelt so viel wie im Brandenburger Durchschnitt (16.000 auf 2,5 Mio. ha).

Die Jagd auf Schalenwild, insbesondere von Rehwild, wird im zunehmenden Maße auf Ansitzdrückjagden durchgeführt. Im jeweils bejagten Revierteil (Größe etwa 200 ha) werden etwa 20-25 transportierbare Ansitzböcke verteilt. Die Jagdtermine werden mit dem Nachbarn abgestimmt. Treiber mit Hunden beunruhigen das Revier. Ein Treiben dauert etwa drei Stunden. Die Strecken lagen in den beiden letzten Jahren bei 10-20 Stück Schalenwild je Treiben. Durch diese Jagdmethode wird die Beunruhigung des Wildes im Herbst/Winter gemindert. Zugleich erreicht man auch die Waldrehe, deren Bejagung bei der traditionellen Ansitzjagd sonst immer zu kurz kommt. Und man erhält einen Überblick über die Höhe des Wildbestandes. Um diesen noch besser beurteilen zu können, ist weiterhin eine Beteiligung an den Verbissgutachten geplant, die im Rahmen der PEFC-Zertifizierung vorgesehen sind. Besondere Wildruhezonen sind bisher nicht ausgewiesen. Sie ergeben sich zum Teil von selbst, da nicht alle Revierteile gleich gut bejagbar sind.

Verbesserung der Äsungsverhältnisse

Zur Verbesserung des Gleichgewichts zwischen Wald und Wild ist eine Verbesserung des Äsungsangebotes unabdingbar. Dies erfolgt in Falkenberg in erster Linie durch waldbauliche Maßnahmen. Langfristig ist eine Erhöhung des Laubwaldanteils durch Umbau der dafür geeigneten Kiefernwälder in stabile Mischwälder vorgesehen. Dies ist zur Zeit allerdings nur durch Zäunung der umgebauten Bestände möglich. Bisher wurden etwa 40 ha, das sind fünf Prozent der Waldfläche, gezäunt und mit verschiedenen Laubbaumarten einschließlich Douglasie unterbaut. Die gezäunte Fläche wird in den nächsten Jahren voraussichtlich noch ansteigen. Die Hoffnung ist, dass später – wenn die Zäune wieder entfernt werden können – dem Wild zunächst Dickungen als Deckung und längerfristig, wenn sich der Wald stärker strukturiert auch Äsungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, die ideale Lebensbedingungen darstellen und den Verbissdruck auf andere Verjüngungsflächen mindern können. Dies ist zur jedoch noch Theorie. Ob sich die Hoffnung erfüllen wird, werden wir erst in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren beurteilen können.
 

Ein zweiter waldbaulicher Ansatzpunkt zur Erhöhung des Äsungsangebotes ist die Durchforstungsstrategie in den mittelalten Kiefernbeständen. Wir haben in den vergangenen drei Jahren etwa 290 ha Kiefern relativ scharf durchforstet. Das dadurch geschaffene Lichtangebot hat zu einer starken Vermehrung der Bodenvegetation – vor allem Himbeere und Eberesche – in den vorher vegetationsarmen Kiefernbeständen geführt. Das Rehwild findet dadurch im Wald oftmals ein vielseitigeres Äsungsangebot als im Feld und auf den Wiesen. Wir haben den Eindruck, dass hierdurch nicht nur der Verlust von Äsungsflächen durch Zäunung kompensiert, sondern auch der Verbissdruck auf die ankommende Naturverjüngung schon etwas geringer geworden ist.

 
 

Die starke Durchforstung birgt allerdings auch ein Risiko: Sie fördert zugleich die Vergrasung, insbesondere von Calamagrostis. Da dieses vom Wild nicht angenommen wird – wohl aber die erwünschte Konkurrenzvegetation, wie Himbeere und Eberesche, - wird die Ausbreitung von Calamagrostis durch hohe Wildbestände zusätzlich gefördert. Wo sich Calamagrostis ausbreitet, wird die übrige Kraut- und Strauchvegetation zurückgedrängt und damit nicht nur das Äsungsangebot vermindert, sondern auch die angestrebte Naturverjüngung gehemmt. Es gibt einen ganz klaren Zusammenhang zwischen dem Deckungsgrad mit Calamagrostis und der Artenvielfalt der Bodenvegetation im Wald. Wegen des Calamagrostis-Risikos wird oftmals empfohlen, die Kiefernbestände oben dicht zu halten, was jedoch nicht nur negative Auswirkungen auf die Kronenentwicklung und den Wertzuwachs der Bestände sondern auch auf die übrige erwünschte Bodenvegetation hätte. Eine kostengünstige und zugleich effektive Zurückdrängung von Calamagrostis kann im Notfall durch den einmaligen Einsatz von Herbiziden erfolgen. Eine solche Maßnahme ist bei sachgerechter Anwendung mit keinen erkennbaren schädlichen Nebenwirkungen verbunden, hat aber ökologisch sehr günstige Wirkungen auf die Artenvielfalt der Bodenvegetation und die Entwicklung der Naturverjüngung. Sie trägt damit in einem erheblichen Maße auch zur Verbesserung des Gleichgewichts zwischen Wald und Wild bei. Vor diesem Hintergrund ist es fachlich nicht nachvollziehbar, dass manche Schutzgebietsverordnungen aber auch die FSC-Zertifizierung einen solchen ökonomisch und ökologisch vorteilhaften Herbizideinsatz generell untersagen. Man sollte Naturschutzregelungen grundsätzlich nicht maßnahme-, sondern ergebnisorientiert gestalten. (Aus ökologischer Sicht ist der Herbizideinsatz im Wald ohnehin eine irrelevante Größe: Nur 0,1 Prozent der Waldfläche werden jährlich mit einem Herbizid behandelt, d.h. im Durchschnitt erfolgt all e 1000 Jahre ein Herbizideinsatz – und zwar mit sinkender Tendenz).

 
 

Eine weitere Maßnahme, die im Revier Falkenberg zur Verbesserung der Äsung und der Deckung des Wildes beigetragen hat, ist die Schaffung eines Biotopverbundsystems in der Feldmark. Es handelt sich um ein Pilotprojekt des Umweltministeriums in Potsdam. In den Jahren 1991-1994 wurden in der ausgeräumten Agrarlandschaft Gehölzbiotope mit 30.000 Flurgehölzen und 49 verschiedenen Gehölzarten in einer Gesamtlänge von 7,5 km angelegt. Der Flächenanteil der Kleinstrukturen und Sondernutzungen an der Agrarfläche wurde damit von 3,5 % auf fast 9 % erhöht. Im gleichen Projekt erfolgte außerdem ein Rückbau der zu stark vertieften Fließgewässer. Auch im Wald bemühen wir uns um einen verstärkten Wasserrückhalt, was letzten Endes der Vegetation zugute kommt, die durch die Absenkung der Grundwasserstände stark geschädigt wurde.

 
 

Weitere biotopverbessernde Maßnahmen, die wir planen, aber noch nicht in Angriff nehmen konnten, ist die Gestaltung von Waldaußen- und –innenrändern mit Gehölzen, die sowohl als Äsungspflanzen als auch als Deckung für das Wild dienen können.

 
 

Bei all diesen Maßnahmen haben wir nicht nur die Verbesserung des Gleichgewichts zwischen Wald und Wild im Auge, sondern erhoffen uns auch eine Verbesserung der kleinklimatischen Verhältnisse (mehr Windruhe, kurze Wasserkreisläufe, höhere Luftfeuchte, Temperaturausgleich), was sowohl dem Wald als auch der Landwirtschaft zugute kommt. Es bestehen also viele Synergieeffekte zwischen land- und forstwirtschaftlicher Nutzung, jagdlicher Nutzung und ökologischen Zielen.

 

Konsequenzen

Vor dem Hintergrund der im Revier Falkenberg gemachten Erfahrungen und als Ergebnis zahlreicher Diskussionen mit Jägern, Forstwirten und Naturschützern sehe ich folgende Konsequenzen für die Jagdpolitik, den Waldbau und die Jagdmethoden:

 
  • Die Abschusspläne sollten sich stärker als bisher am Zustand der Waldvegetation orientieren (und nicht an den ohnehin ungenauen Wildzählungen). Voraussetzung wäre die Einrichtung eines kontinuierlichen Monitoringsystems und die Folge eine Absenkung der Schalenwildbestände.
  • Die Abschussrichtlinien sind anzupassen durch
  • Einführung mehrjähriger Abschusspläne,
  • Abschaffung des Abschussplanes für Rehwild,
  • Verlängerung der Jagdzeiten für Rehböcke bis zum 15.12. eines Jahres und
  • Vereinfachung der Güte- und Altersklassenregelung beim Rotwild
  • flächendeckende Gruppenabschußpläne bei Rotwild.

Die Jagdmethoden sind zu verbessern durch

  • vermehrte Durchführung von Ansitzdrückjagden
  • Einrichtung von Wildruhezonen.

Die Äsungsverhältnisse sind zu verbessern durch

  • Anlage von Äsungsflächen und –sträuchern,
  • Förderung der Bodenvegetation durch stärkere Durchforstungseingriffe und
  • Anlage von Biotopverbundsystemen in der Feldmark.

Wichtig ist dabei eine gute Zusammenarbeit zwischen Jägern, Waldbesitzern, Förstern, Landwirten und Naturschützern. Hierbei kommt es darauf an, dass sich alle Seiten bemühen, die Probleme des anderen besser zu verstehen. Bei gutem Willen wird man zwischen allen Gruppen weit mehr gemeinsame Interessen entdecken, als gemeinhin angenommen wird.

 
 

Für mich persönlich, aber auch für die Forstwirtschaft allgemein, ist außerdem die langfristige, generationenübergreifende Perspektive von Bedeutung. Es ist ein schönes Gefühl, demnächst Bäume ernten zu können, die der Großvater vor über 100 Jahren gepflanzt und gepflegt hat. Ebenso ist es faszinierend, heute an der Gestaltung eines Waldes arbeiten zu können, dessen Ergebnis der Enkel- oder Urenkelgeneration zugutekommt. Um dies auch in Zukunft zu ermöglichen, d.h. um eine nachhaltige Forstwirtschaft betreiben zu können, brauchen wir ein besseres Gleichgewicht zwischen Wald und Wild.