Gunild v. Alvensleben, geb. v. Oertzen (1904-1997)

Gunild v. Alvensleben mit Söhnen Wichard und ReimarAm 24. Januar 1997 starb in Tübingen Gunild v. Alvensleben, geb. v. Oertzen, im Alter von 93 Jahren. Sie war die letzte Oertzen aus dem Hause Dorow (Kreis Regenwalde, Hinterpommern), wo sie am 12. Januar 1904 als jüngstes von sechs Geschwistern geboren wurde. Ihre Eltern waren Karl v. Oertzen (1855-1907) und Elisabeth, geb. v. Thadden (1860-1944), die bekannte Heimatschriftstellerin und Verfasserin der »Entenrike«. Ihre Kindheit und Jugend war überschattet durch den frühen Tod ihres Vaters und durch den 1. Weltkrieg, in dem ihr einziger Bruder Günter (1891-1918) und ihr Schwager Henning v. Blanckenburg (1894-1918) fielen. In Dorow erhielt sie zusammen mit Nachbarskindern zunächst Privatunterricht. Nach dem Kriege kam sie in ein Internat in Berlin. Im Alter von zwanzig Jahren, am 16.6.1924, heiratete sie Udo v. Alvensleben aus Falkenberg bei Fürstenwalde. Das junge Paar wohnte zunächst von 1924 bis 1930 im Nachbarort Arensdorf, dann in Falkenberg, später in Lübben, Schlochau und Minden, wo ihr Mann Landrat war. Ende 1942 zog sie wieder nach Falkenberg, nachdem ihr Mann aus politischen Gründen von seinem Landratsposten suspendiert worden war. Sieben Kinder wurden geboren: Fredeke (* 1925), Busso (* 1928), Alvo (*1929), Burghard (* 1931), Giselhild (* 1932), Wichard (* 1937) und Reimar (* 1940).

Als die Ostfront immer näher rückte, verließ sie Ende Januar 1945 mit den Kindern Falkenberg, um zunächst bei ihrer Schwägerin Schulenburg in Schricke, Kreis Wolmirstedt, und anschließend bei ihrer Schwester Wedel in Piesdorf unterzukommen. Ihr Mann blieb in Falkenberg und geriet Ende April 1945 in russische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst am 5.10.1953 zurückkehrte. Falkenberg wurde im Herbst 1945 im Zuge der so genannten Bodenreform entschädigungslos enteignet.

Die Russen besetzten im Juni 1945 auch die Provinz Sachsen. So treckte sie mit ihrer Familie weiter nach Alt-Wallmoden, Kreis Goslar, wo sie am 17. 6.1945 von Frau v. Wallmoden in ihr schon von Flüchtlingen überfülltes Haus aufgenommen wurde und mit ihrer Familie fast zehn Jahre blieb. Eine schwere Zeit begann, in der sie ohne Mann ihre sieben Kinder durchbringen mußte. Sie erhielt eine Fürsorgeunterstützung. Da diese für den Unterhalt der Familie nicht reichte, verkaufte sie als Vertreterin Handwebereien und Miederwaren an der Haustür und auf Ausstellungen. In dieser Not halfen ihr eine eiserne Sparsamkeit und ein tiefer und wachsender christlicher Glaube. Sie tröstete ihren gefangenen Mann in einem 1948 geschriebenen Brief: »Mach Dir niemals Sorge um uns. Wir denken für Dich und uns immer an Römer 8, 28-38, 39 und sind froh und getrost. Wäre alles so geblieben wie früher, hätten wir es wohl nie so empfunden!« Um der Jugend trotz materieller Not geistige Anregungen zu geben, veranstaltete sie zusammen mit ihrer Schwester Gisela v. d. Linde in Alt-Wallmoden christliche Osterfreizeiten, die unter anderen von Theologen der Göttinger Universität gestaltet wurden.

Nachdem ihr Mann 1953 aus der Gefangenschaft zurückgekehrt war, konnte er aus gesundheitlichen Gründen keinen Beruf mehr ausüben. Da er jedoch eine Pension bekam, war die größte materielle Not vorbei, und die Familie konnte 1955 eine kleine Neubauwohnung in Göttingen beziehen. Um der Familie einen neuen Mittelpunkt zu schaffen, betrieb sie bald darauf die Errichtung einer Nebenerwerbssiedlung in Wienhausen, Kreis Celle, wo ihre Schwägerin Schulenburg bereits wohnte. Am 24. Mai 1963 wurde die Siedlung bezogen: ein »Rittergut von 2107 qm«, wie ihr Mann scherzhaft schrieb. Wienhausen entwickelte sich schnell zum Treffpunkt der weiteren Familie, zumal sich auch ihre Schwester Annli v. Wedel und ihr verwitweter Schwager Otto v. d. Linde im Ort ansiedelten, 1971 auch noch die Schwiegermutter ihres jüngsten Sohnes, Freifrau v. Maltzahn.

Rasch wuchs die Zahl der Enkelkinder, die von der Großmutter in Wienhausen gehütet wurden oder dort ihre Ferien verbrachten. Viele Familienfeiern fanden in Wienhausen statt, und das kleine Haus schien Gummiwände zu haben, weil immer alle unterkamen. Jedes Mal, wenn man dorthin kam, traf man auf nähere oder weitere Verwandte. Dies änderte sich auch nicht, als am 6. Januar 1970 ihr Mann, Udo v. Alvensleben, starb. Wienhausen blieb Anlaufpunkt der Familie: 1976 und 1982 wurden große »Enkeltreffen« veranstaltet. 1984 feierte sie ihren 80. Geburtstag im Kreise der Großfamilie. 1988 kamen die Nachkommen ihrer Schwiegereltern Joachim und Hildegard v. Alvensleben zu einem »Falkenberger Treffen« zusammen. 1989 fand das bisher letzte Oertzen-Enkeltreffen mit etwa 80 Teilnehmern in Wienhausen statt.

Mit zunehmendem Alter ließen ihre Kräfte und das Gedächtnis nach. Über Weihnachten besuchte sie häufig ihre älteste Tochter Fredeke Lenz in Tübingen. Nach dem Weihnachtsfest 1992 blieb sie schließlich ganz dort. Ihr Haushalt wurde 1993 aufgelöst und das Haus verkauft, um den Erlös zum Erwerb eines Hauses in Falkenberg zu verwenden, das seit dem Sommer 1993 von Reimar und Inge v. Alvensleben bewohnt wird und einen neuen Familienmittelpunkt bilden soll. Deren Sohn Albrecht v. Alvensleben hatte dort 1991 mit Unterstützung der Familie einen land- und forstwirtschaftlichen Betrieb wiedereingerichtet.

Über vier Jahre lang wurde sie in Tübingen von ihrer Tochter Fredeke und ihrem Schwiegersohn Friedrich Lenz liebevoll gepflegt und ist dort ohne größere Krankheit allmählich und friedlich eingeschlafen. Die Beisetzung erfolgte am 1. Februar 1997 auf dem Dorffriedhof in Falkenberg. Dort ruht sie neben ihrem Mann, der zugleich von Wienhausen in die heimatliche Erde umgebettet wurde, wie er es sich immer gewünscht hatte. Gunild und Udo v. Alvensleben hinterlassen sieben Kinder, 23 Enkel und 20 Urenkel. Fast alle konnten zur Trauerfeier nach Falkenberg kommen. Pfarrer Uwe Teichmann aus Demnitz predigte über den oben erwähnten Bibeltext aus Römer 8,38-39, der den Verstorbenen in schweren Zeiten Trost und Halt gegeben hatte:

»Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserem Herrn.«

(Nachruf  in Oertzen-Blätter Nr. 54, Mai 1997, S. 71-72)